Kunstgalerie: Der Beobachtertisch

Astronomische Ausrüstung auf rotem Tischtuch, durcheinander.

„Schatz, lass‘ Dir ruhig Zeit“ sagte der Künstler unseres heutigen Werkes am Morgen nach  der Entstehung zu seiner sich duschenden Gattin. „Ich muss noch den Tisch decken“.

Doch greifen diese Worte zu kurz und zeugen von einer dem Künstler innewohnenden Bescheidenheit.   

Wuchtig prägt ein offensichtlich betagter Laptop, dem nach einem langen Leben nun auch noch feuchtkalte Nächte im Freien zugemutet werden, die Mitte des Bildes. Doch er hat schon vieles ertragen und so schreckt ihn auch die Nähe zur Tischkante nicht, die ihm sagt, auch seine Zeit könnte schon bald abgelaufen sein.

Eine Falte im Tischtuch schafft eine leichte Distanz zu dem Refraktor und will wohl auf die Schwierigkeiten und erfolglosen Versuche der letzten Nacht hinweisen.

Lässig spielt der Schöpfer des Werkes mit dem Koffer, der mit der Erwartung des Betrachters bricht. Wo Ruhe und Ordnung erwartet würden, herrscht ein Chaos vor. Gleich einem Werk im Werk zieht der Koffer den Betrachter in seinen Bann. Dieser wird rechtzeitig von der schweren Gleichmut und der ehernen Kraft der Gegengewichte gebrochen, die zusammen mit einer blauen Kappe ein überraschendes und wegweisendes Symmetrieelement schaffen, aus welchem neue Hoffnung entsteht.

Keim dieser Hoffnung, zu der der Blick des Betrachters geleitet wird, ist ein Buch mit Lesezeichen, das als Ratgeber in verzweifelter Lage dient. Doch weisen das wirre Kabel in der Mitte des Ensembles und das Bierglas, noch mit einem letzten Rest Hefe am Boden, darauf hin, dass guter Rat nicht nur teuer sondern auch selten ist.

Wie zufällig liegen Okular- und Objektivdeckel lose herum. Doch auch dieses schnelle Urteil wäre verfrüht, denn so finden wir Botschaften wieder. Da lehnt ein Okulardeckel halb schwebend an der Okulardose und will von der Leichtigkeit künden, mit der die Sichtung des Mondes gelang.

Es ist die unglaubliche Fülle an liebevollen Details, mit denen der Künstler beweist, welche enorme Schaffenskraft hier am Werke war, wenn wir auch nicht ausschließen wollen, dass der Zufall ein Wörtchen mitgeredet hat.

Dort ist ein Fell auf dem Stuhl, welches beredt vom zunehmenden Alter des Beobachters zu erzählen weiß. Ein verschämt versteckter Taschenrechner, Zeuge der Bemühungen, Brennweiten, Bildausschnitte und Objekt in ein rechtes Verhältnis zu bringen. Gleich dem Tüpfelchen auf einem „i“ findet sich auf der Kaffeetasse eine Schnecke in Anspielung der quälenden Länge einzelner Belichtungen. Beinahe etwas zu verschämt ist da noch der Salzstreuer, der dem Ganzen doch noch eine würzige Note verleiht.

Doch ist die Botschaft des Bildes klar: es war wohl keine erfolgreiche Nacht.
Und so guckt auch der Hibiskus in der Ecke eher traurig zu der Ansammlung hinüber.

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