Schreiben im Genre SF: Projektion der Technik in die Zukunft

In dieser Artikelreihe über das Genre Science Fiction möchte ich im vorletzten Artikel das Thema „Technik“ beleuchten. Zwar ist dieses eng verwandt mit (Natur-)Wissenschaft, die Gegenstand des Artikels „Science“ war. Technik ist für dieses Genre jedoch von großer Bedeutung, weshalb sie getrennt betrachtet werden soll.

Aus dem Wort „Science“ im Genrebegriff wird nicht selten eine Erwartung an die Technik abgeleitet, die ich mit den Worten „ist im Grunde schon heute technisch machbar/denkbar“ zusammenfassen möchte.

Es geht daher oft um eine Projektion der technischen Entwicklung.

Keine leichte Aufgabe, wie ich finde. Es lohnt ein Blick beispielsweise in die Sammlung „The Science Fiction anthology“, herausgegeben von „knowledge house“ (ASIN : B088F4C6JC). Diese enthält einige Geschichten, die mehrere Jahrzehnte alt sind.

Ich musste beim Lesen einer der Geschichten darüber schmunzeln, dass es zwar selbstverständlich möglich war, ohne großen Zeitverlust Distanzen von hunderten Lichtjahren zurückzulegen, aber in der Telefonzentrale die Telefonisten noch per Hand die Verbindungen steckt. Das war eben die Projektion des Autors aus der damaligen Erfahrung: vom Segelgleiter über das Flugzeug mit Verbrennungsmotor zu dem Jet mit Strahltriebwerk – aber immer noch den Seilzug zum Höhen- und Seitenruder im Leitwerk. Das war die damalige Entwicklung. Die Kenntnisse der Physik waren noch nicht soweit (zumindest außerhalb der Physikszene), einzusehen, dass es auf diesem Weg nicht zum Überlichtantrieb weitergehen würde. Und wer dachte zu dieser Zeit schon über die Entwicklung im Telefonbereich nach? Smartphone?

Einige der Geschichten sind völlig zeitlos geschrieben. Da wurde schon vor 50 Jahren darüber nachgedacht, welche Auswirkung der Wegfall von Arbeitsplätzen durch technische Entwicklung auf die Gesellschaft haben könnte. Einige der projizierten Punkte sehen wir heute in der Tagesschau als Meldung.

Ebenfalls spannend die Geschichte zur künstliche Intelligenz, in der die künstliche Intelligenz die Frage stellt, ob sie ohne Menschen nicht besser dran wäre. Bei der heutigen technischen Entwicklung gewinnt diese Frage zunehmend an Bedeutung. Derzeit breiten sich Systeme auf Grundlage künstlicher Intelligenz in viele Bereiche des Lebens aus, nicht nur als Anrufsystem im Call-Center.

Projektionen unterliegen dem Wandel der Zeit, wie oben bereits erwähnt. Vor einigen Jahrzehnten dachte man, im Jahre 2000 fahren Autos mit Atomenergie. Nun, es kam anders. Die damals gedachte Entwicklungsrichtung war eben nur eine von vielen möglichen.

Umgekehrt geht es ja auch. In den 1980ern fragte ich als Kind mal meinen Vater, warum im Armaturenbrett des Autos die blauen Lichtchen anders waren als die roten und grünen. Er sagte, rot und grün seien LEDs, die blauen jedoch Glühlampen. Man habe noch keine blaue LED. Heute haben wir sie und sie findet Verwendung vom Leuchtmittel im Haushalt bis ins Smartphone. Was, wenn die Physiker (zwei von denen finden sich in meiner Publikationsliste) damals nicht die blaue LED gefunden hätten? Vieles, was heute alltäglich ist, gäbe es dann nicht – und die Science Fiction Literatur würde sich vollkommen anders lesen.

Ein Weg für den Autor ist es, dem Leser gut klingende Erklärungen für SF-Technik anzubieten. Durch Beschreibungen und Erläuterungen der verwendeten Technik etwas Plausibilität einzuhauchen. Tiefer gehenden Analysen wird auch die beste Erklärung beispielsweise eines Antigrav-Triebwerks nicht Stand halten. Letztlich ist die Erklärung der erdachten Technik: „schwarze Kiste, aber zusammengesetzt aus kleinen schwarzen Quadern“, nur in einem ausgiebigeren Umfang. Beispielsweise könne auch kleine graue Quader dabei sein. Nachdem die Technik dem Leser schmackhaft gemacht – oder zumindest erklärt – worden ist, muss sie konsistent weiter verwendet werden.

Derzeit lese ich die Geschichte „Empire“ von Clifford D. Simak, die 1951 erschienen ist. In ihr ist ein wissenschaftliches Experiment der Protagonisten beschrieben, das zu einer bahnbrechenden Technologie führt. Eine derart detaillierte Beschreibung kenne ich vorwiegend aus älteren Geschichten. Heutzutage stoße ich nicht mehr auf sie, selbst in den Hard SF Geschichten, die ich lese. Auch das könnte ein Zeichen der Zeit sein. Im Alltag benutze ich viele Geräte und weiß wenig über ihr Funktionsprinzip. Es dürfte vielen von uns so gehen.

Die Bedeutung für mein Schreiben

Als Autor ist es schwer, plausible und gleichzeitig zeitlose Technik zu schaffen, die dann vom Leser auch angenommen und verstanden wird. Das macht Science Fiction aus meiner Sicht zu einem undankbaren Genre. Andererseits übt das oben erläuterte Erarbeiten von plausibel klingenden Scheinerklärungen einen gewissen Reiz aus. Kürzlich hatte ich eine Idee, Überlichtreisen plausibel klingen zu lassen – und hatte viel Spaß beim Entwickeln der Idee. Letztlich kann ich die Erwartung der Leser nicht ändern, muss also meinen Weg gehen.

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