Genre Science Fiction: Gesellschaft

In den ersten beiden Teilen meiner kleiner Serie über das Genre Science Fiction ging es um Science und den Entwurf der Natur einer Romanwelt. In diesem Teil soll es um das Thema „Gesellschaft“ gehen. Genauer gesagt möchte ich einen Blick auf die menschliche Gesellschaft werfen, die mir in SF-Literatur begegnet.

Beim Entwurf einer SF-Welt stellt sich die Frage, welche Gesellschaft gezeigt werden soll. Die Antwort auf dieser Frage unterliegt dem Wandel: vor 70 Jahren wurde sie anders beantwortet als heute.

Starten möchte ich nochmals mit Perry Rhodan. Die Serie hat aufgrund des in den Anfangsjahren alleinherrschenden Serienhelden, der das „solare Imperium“ gründet, einen zweifelhaften Ruf. Darüber darf jedoch nicht übersehen werden, dass es im Kern um die Einigung der Menschheit und die Überwindung der Kriege zwischen Menschen geht. Immerhin hatten einige der Serienmacher den zweiten Weltkrieg sehr tief erlebt. Die Serie startet also bei der gespaltenen Gesellschaft der Nachkriegszeit und entwirft davon ausgehend ein Zukunftsbild einer geeinten Menschheit, die sich im Weltraum behauptet. Dass hier eine kleine Gruppe von Helden sehr mächtig wird, verwundert mich nicht. Zur Zeit von Perry Rhodan entstanden auch zahllose Superhelden, die ebenfalls fragwürdig sind – nicht nur von ihren Fähigkeiten her betrachtet, sondern gerade auch in Bezug auf ihre Macht.

Im ursprünglichen Star Trek zeichnete Gene Roddenberry das Bild einer geeinten Menschheit, die nun drauf und dran ist, kosmische Gefilde zu entdecken. Ich sage bewusst nicht „erobern“, denn es geht nicht um die Schaffung eines großen kosmischen Reiches. Die Konförderation mit ihrer Ersten Direktive (sich nicht einzumischen) geht vom Streben nach Frieden und Selbstbestimmung aus. Nur am Rande stellt sich die Frage, ob die Bösewichte (die Klingonen) eine Anspielung auf die Realzeit der 1960er sein soll.

Imperatoren und kriegerische Völker besiedeln das Universum, in dem Kevin J. Andersons „Saga der Sieben Sonnen“ spielt. Aus meiner Sicht werden hier Anleihen im Mittelalter genommen. Mittlerweile gibt es zahlreiche solcher Romane, die meist wenig Science und viel Fiction enthalten. Es handelt sich um Kunstwelten als Spielfeld für eigentlich recht bekannte Plots, die aus anderen Genres übernommen wurden.

Erfrischender empfand ich da Alastair Reynolds, der in seinem „Revelation Space“ eine bunte Welt schuf, dabei in einigen Teilen noch dicht am Science blieb bzw. sich mit ihr verträgt. Interessant an diesem Kosmos ist beispielsweise das Modell einer Gesellschaft, die ihre Mitbürger in Entscheidungen einbezieht – indem Implantate im Gehirn befragt werden. Die Implantate stimmen nach dem „Wirt“, in dem sie sitzen, ab.

Ebenfalls eine spannende Welt ist die von Terry Pratchett und Stephen Baxter: „Die lange Erde“. Angenommen, der Kosmos besteht aus vielen parallelen Universen. Dort gibt es (fast) immer die Erde, doch immer ist sie ein klein wenig anders. Weiter angenommen, es gibt einen Weg, wie große Teile der Menschheit von einen Universum in ein anderes wechseln können, ganz nach Belieben. Welche Veränderung würde unsere Gesellschaft unterliegen, was würde geschehen? Dies wird in mehreren Bänden unterhaltsam untersucht.

Eine viel nähere Zukunft mit einem sehr drastischen Bezug zur Gegenwart beschreibt Sarah Pinsker in „A Song for a New Day“. Die Menschheit sieht sich einem Virus ausgesetzt, das reihenweise Menschen tötet. Soziale Kontakte müssen auf Minimum reduziert werden. Die Hauptfigur ist eine Musikerin, die nun erlebt, wie die Live-Auftritte wegbrechen. Stattdessen findet das Leben online statt. Dieses Buch wurde im September 2019 veröffentlicht und schneidet ein Thema an, das mir noch nicht ausgeschrieben scheint. Der Bezug zur aktuellen Lage ist beeindruckend.

Viele Science Fiction Bücher gehen heute von einem Gedanken aus: Großkonzerne und Superreiche übernehmen die Macht auf dieser Erde. Hier fällt mir als Beispiel Matthew A. Goodwins „Into Neon: A Cyberpunk Saga“ ein. Skrupellose Großkonzerne schrecken nicht vor dem Einsatz tödlicher Viren zurück und unterdrücken die Gesellschaft mit einer Privatarmee. Entsprechend kommt es in dem Dreiteiler zu einiger Gewaltanwendung. Interessant ist jedoch, dass sich die handelnden Charaktere schwer damit tun und ihr handeln hinterfragen.

Die Macht in den Händen weniger Superreicher – klar, denkbar ist das.

Aber könnte es nicht auch eine breitere Verteilung von Wohlstand geben? So wie in der Musik die Zahl der Superreichen abzunehmen scheint, es trotzdem viele Musiker gibt und diese neue Bezahlmodelle aufgreifen. Es lohnt ein Blick auf Patreon, wo zahlreiche Musiker online Musikunterricht und mehr anbieten, um nicht nur von Auftritten zu leben. Hier sehen wir im echten Leben gerade ein zartes Pflänzlein aus dem Boden wachsen.

Spannend ist aus meiner Sicht daher die Frage, wie sich eine Gesellschaft verändert, in der sich der Mensch immer mehr abschafft. Und das ist ja die reale Welt. Massenproduktion läuft vollautomatisiert (= weniger Arbeiter), Verkehrsmittel bewegen sich autonom (= keine Taxi- und Busfahrer), die Börse wird von Computern gehandelt (= weniger Broker), eine Software ersetzt den Juristen und schreibt Verträge … der Faktor Arbeit bekommt eine andere Bedeutung. Hier gibt es einiges auszuloten – und es muss aus meiner Sicht keine Dystopie sein.

Überhaupt, der Umgang miteinander. In vielen Romanen werden Konflikte durch die Größe der Waffe entschieden. Wohltuend liest sich hier Becky Chambers „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“, in der die Geschichte an den Punkt kommt, an dem bei anderen Autoren die Körperteile fliegen. Chambers löst die Konfliktsituation intelligent, gewaltfrei und überraschend.

Dieser Faden könnte weitergesponnen werden. Wie wäre es, statt das erfolgreiche Individuum auch die erfolgreiche Gesellschaft zu feiern? Diese Frage kam in Rich Rolls Podcast vom 01.10.2020 auf, „A Plant Based Lifestyle“.

Die Bedeutung für mein Schreiben

Wir leben im Grunde in einer fantastisch guten Zeit. Allerdings muss der Mensch gewaltig aufpassen. Derzeit ist er dabei, die Erde als einzigen ihm zugänglichen Lebensraum für ihn unbewohnbar zu machen. Das sind keine rosigen Aussichten. Doch Endzeitstimmung bringt uns nicht weiter. Ich könnte mir daher gut vorstellen, Geschichten zu entwickeln, in denen der Mensch diese Probleme löst. Derzeit sammle ich Ideen hierzu.

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