Sonnendepression und visuelles Beobachten

Die Sonne sinkt um die Sommersonnenwende in Norddeutschland nicht sehr tief unter den Horizont. Die astronomische Dämmerung wird nicht mehr vollzogen, astronomisch gesehen wird es gar nicht mehr Nacht. Ab wann dies auf Höhe Hamburg der Fall ist, hatte ich kürzlich in einem Blogbeitrag errechnet. Doch was bedeutet das eigentlich für das visuelle Beobachten? Gibt es hierzu Erfahrungswerte? Und da fiel mir mein Beobachtungsbuch ein – und tatsächlich enthielt dies passende Daten.

Gleich vorweg: Natürlich sind Beobachtungsdaten eines einzelnen Beobachters nicht repräsentativ. Dennoch können sie einen Anhaltspunkt für den ein Einfluss der Sonnendepression geben.

Ziemlich genau vor zwanzig Jahren (huch!), im Juni 1999, verbrachte ich viel Zeit mit Lernen. Ich hatte gerade meine schriftliche Diplomarbeit abgegeben und bereitete mich auf die vier mündlichen Diplomprüfungen vor.  Tagsüber grub ich mich durch Quantenmechanik, Festkörperphysik, technische Physik usw. mit allen Inhalten von Grund- und Hauptstudium. Naja, und die Inhalte rund um meine Diplomarbeit musste auch noch wiederholt werden.

Nachts jedoch nahm ich mir, wenn es klar war, die Zeit zum Sternegucken.

Dabei trieb ich mein Projekt „Galaxien in der Leier“ voran. Das Sternbild Leier steht zu dieser Jahreszeit sehr hoch über dem Horizont, ist also gut erreichbar.Damit ist es auch wunderbar geeignet, den Einfluss der Dämmerung zu suchen. Es gibt nun einige Galaxien, die ich in den Nächten um die Sommersonnenwende und dann später im Jahr ein zweites Mal beobachtet habe. Alle Beobachten fanden mit dem 16″er (400mm f/5) statt:

NGC 6688

  • 17.6.99
    14mm : groß, rund, hell; heller kompakter Kern
    9mm : keine neue Erkenntnis
  • 16.9.99
    9: sehr groß, sehr hell, heller kompakter Kern, diffuser Rand

NGC 6692

  • 17.6.99
    14mm : hell, kompakt, rund
    9mm : klein, hell, rund, schwaches Halo vermutet
    5,2mm: klein, 1:2 Elongation vermutet PW 100°
  • 16.9.99
    33mm: auffällig.
    5,2mm: klein, heller, flächiger, 1:3 elongierter Zentralbereich, schneller Abfall zu diffusem Rand, Orientierung: Ost-West

UGC 11325

  • 17.6.99
    5,2mm: erst bei 400x sicher als Galaxie erkannt; klein, schwach, rund?
  • 16.9.99
    5,2mm:  1:4 elongiert, heller, gut kondensierter Zentralbereich, hell, diffuser Rand

Im Vergleich fällt auf, dass die Randpartien von Galaxien im Juni regelmäßig nicht erkannt wurden. Erst in den dunkleren Herbstnächten wurden sie gesehen. Damit geht einher, dass elliptische statt runder Gesamtform und Auffälligkeit des Kerns im Sommer nicht wahrgenommen wurden.

Aus anderen Beobachtungen des Leier-Projekts scheint zu folgen, dass der 11te Juni die Grenze darstellt, ab der zwar Galaxien noch sicher beobachtet wurden, die Details aber letztlich stark litten.

Für den Beobachtungsort Wetzlar gilt nun:

  • 6.6.99
    Sonnendeklination: 22°35′
    Sonnendepression: 17,0°
  • 11.6.99
    Deklination: 23°02′
    Depression: 16,5°
  • 17.6.99
    Deklination: 23°21′
    Depression: 16,2°

Eine Schätzung ist also, dass eine Sonnendepression von 16,5 Grad für eine gewinnbringende Deep-Sky-Beobachtung vorliegen sollte. Steht die Sonne höher (also dichter zum Horizont), verlieren viele Objekte an Reiz (nämlich an sichtbaren Details).

Rechne ich diese Sonnendepression nun auf die geographische Breite von Hamburg um, darf die Sonne höchstens bei einer Deklination von +20° statt.

Das ist etwa am 21. Mai der Fall und später dann am 21. Juli der Fall.Diese Werte passen zumindest zu meinem Eindruck, den ich in den letzten 7 Jahren gewonnen habe.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines, Astronomische Beobachtungen, Deep Sky veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.