Von Neuner Nummern und visueller Beobachtung

Am 09.09.09 werden wieder viele Paare zum Standesamt gezogen sein, um den Schritt in die Ehe zu begehen. Das war vor 10 Jahren auch so, am 9.9.99.
Seinerzeit hatten ich eine ganz andere Idee, die mir beim Beladen des Autos kam. Klaus hatte damals angerufen und gefragt, ob wir Beobachten fahren wollten. Beobachten heißt in dem Fall: Dobsons (16″ und 17,5″ Spiegeldurchmesser) ins Auto gepackt und ab auf die Felder rund um Wetzlar und Gießen. In diesem speziellen Fall war es ein Feld nahe des Flugplatzes Lützellinden. Und was uns dort passierte, passiert visuellen Beobachtern nur noch selten oder vielleicht gar nicht mehr, ist aber sicherlich was besonderes !
Meine Idee war folgende: wenn ich schon nicht zum Standesamt gehen konnte, dann doch vielleicht was anderes mit dem Datum anstellen. Also überlegte ich mir Dinge wie „Seite 9 in Uranometria“ beobachten. Und NGC 999, denn diese Galaxie würde am späten Abend gut sichtbar sein. Und so beobachteten Klaus und ich zur Stunde 0,999 des Tages 9.9.99 NGC 999, wobei ich ein 9mm Okular einsetzte.

Was uns da passierte, möchte ich mit Worten eines Artikels von Klaus und mir in der Magellan 4/99 (ISSN 1616-8593) erzählen:

„NGC 999 ist eine Galaxie uns steht unweit des bekannten offenen Sternhaufens M 34. Dicht benachbart stehen NGC 995, 996 und 1001, alleine deshalb sah es nach einer vielversprechenden Gruppe aus. Im September braucht NGC 999 einige Zeit, um eine vernünftige Höhe über dem Horizont zu erreichen. Passend zur Stunde 0,99 des Tages ploppte dann ein lichtschwacher, länglicher Fleck ins Gesichtsfeld des 9er Okulars (am 6″ f/5). Jawoll, geschafft!

Also am besten mal eine kleine Skizze von der Gruppe machen und … .“

Soweit der Artikel. Was geschah nach dem Skizzieren? Klaus und ich verglichen unsere Skizzen und sie passten nicht aufeinander. Jeder hatte vier Galaxien und Sterne skizziert, doch waren all diese Objekte in der Gesamtheit nicht zur Deckung zu bringen. Das Rätsel löste sich erst, als wir nur die Sterne verglichen – und diese passten. Wir hatten es also mit 5 Galaxien zu tun!

Hier ein BIld aus Guide 8.0, um einen Eindruck von dieser Gegend zu geben:

NGC 999 und Heuchelheim 1

(größeres Bild mit weiteren Galaxien)

Gezeigt sind hier NGC 999 (obere Galaxie), NGC 996 (ziemlich zentral) und Heuchelheim 1. Diese ist durch die roten Striche gekennzeichnet. Die Galaxie ist als „Nichtstern“ im GSC erfasst und hat dort die Nummer GSC 2840 254.

Viel gründlicher als wir selbst untersuchte Wolfgang Steinicke, der unter anderem durch seine Mitarbeit an der Überarbeitung des NGC-Katalogs einen internationalen Ruf besitzt, unsere Beobachtung und kam in der Magellan 1/2000 zu dem Schluss, dass wir eine „anonyme Galaxie“ beobachtet hatten, d.h. eine Galaxie, die in keinem Katalog erfasst war. Er bezeichnete die Galaxie kurzerhand als „Heuchelheim 1″ (Position: RA 2h38m42s DEK +41 36′ 18.10“ in J2000).

Interessant finde ich hieran, dass diese anonyme Galaxie fast so hell wie die benachbarten NGC-Galaxien ist. Dass sie in keinem Katalog verzeichnet ist, erstaunt daher.

Klaus und ich haben in der Folgezeit etwa 10 weitere solchere anonymen Galaxien visuell beobachtet, quasi „entdeckt“. Heute sind die automatischen Himmelsdurchmusterungen weiter als vor 10 Jahren, daher dürfte diese Beobachtung kaum noch zu wiederholen sein. Doch man kann dieser Beobachtung noch immer einiges entnehmen:

  • es lohnt sich, die gut eingetretenen Pfade zu verlassen und Galaxien visuell zu versuchen, über die nur wenig oder nichts publiziert ist.
  • es lohnt sich zu zeichnen und zu skizzieren
  • es lohnt sich, mit mehreren Beobachtern zu beobachten

Also: es gibt viel zu gucken, schauen wir hin!

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