Teleskop 3.0

Ein Informant (gar ein „Whistleblower“?) hat mir ein Dokument zugespielt, aus dem die Pläne eines namenhaften und umsatzstarken Teleskopherstellers im Hinblick auf zukünftige Teleskoptechnik hervorgehen. Da dieses Teleskop sehr weit fortgeschritten ist, nenne ich es das Teleskop 3.0. Natürlich will ich den Lesern die neuesten Erkenntnisse nicht vorenthalten!

Bei den ersten Merkmalen des neuen Teleskops dachte ich mir noch, dass doch im Grunde alles bekannt sei. Das Teleskop hat einen GPS-Empfänger und an seiner Montierung ein Nivelliersystem, das eine automatische waagrechte Ausrichtung durchführt. Also eine ganz normale „Go-To“-Ausstattung. Die automatisch angesteuerte Taukappenheizung ist ja auch eher greifbar, also keine bahnbrechende Innovation. Und eine Teleskopsteuerung mit einem Datenbestand von Hunderttausenden Deep-Sky-Objekten ist nett, aber kein Bringer.

Doch dann wurde es sehr interessant!

Zunächst fiel mir ein Sky-Quality-Meter (SQM) auf, das mit der Teleskopsteuerung verbunden ist und die ermittelten Daten gleich in einem Logbuch einträgt. Durchaus praktisch, kann man sagen.

Dank der mobilen Internetverbindung, sogar ohne Smartphone des Benutzers, können diese Daten gleich an einen Blog, ein Forum oder ein Profil in einem sozialen Netzwerk gesendet werden.

Die Internetverbindung hat auch den Vorteil, dass die aktuellen Wetterdaten heruntergeladen werden können. Nicht nur die Wettervorhersage, sondern auch Daten zu Luftfeuchtigkeit und Bewölkung werden aus dem Web geladen. Nun kann man denken: „guck‘ doch an den Himmel, da siehst Du doch Wolken“. Aber weit gefehlt!

Die ermittelten Sichtbedingungen werden genutzt, um aus der Objektdatenbank die Beschreibungen zu laden und an die aktuellen Bedingungen anzupassen. Zirren oder ähnliches lassen Galaxien schwach erscheinen oder nehmen Details in Nebeln weg – und dementsprechend wird dann die Objektbeschreibung eben angepasst. Diese ist übrigens nicht nur auf einem Display sichtbar sondern kann über Lautsprecher/Kopfhörer ausgegeben werden.  Schließt der Beobachter ein Mikrofon an, kann er die Beschreibung ergänzen und an das aktuell Gesehene anpassen. Die Beschreibung kann dann natürlich auch an das Logbuch und an die erwähnten Internetadressen geschickt werden.

Ein weiteres interessantes Merkmal ist das Okular. Ich schreibe „das“ Okular, weil der (lästige, manchmal fehlgehende) Okularwechsel dank eines eingebauten Zoomokulars entfällt. Die Verstellung der Brennweite erfolgt motorisch und so wird die Brennweite nach den mittels der Sichtbedingungen angepassten Datenbankinformationen gleich optimal eingestellt.

Der Beobachter steht mehr im Mittelpunkt der Technik als es bisher anklingt. Da das Teleskop ja selbst weiß, was der Beobachter sehen müsste, fragt es dies auch ab. An den Antworten des Beobachters wiederum wird die Beobachtungsleistung kalibriert. Es hat einen Einfluss auf die einstellbaren Objekte, da das Teleskop solche Objekte gar nicht erst einstellt, die der Beobachter an diesem Tage wohl nicht wahrnehmen wird (Anm.: das kann zu kurzen Beobachtungsabenden führen …). Verfeinert wird die Kalibrierung der Beobachterleistung mit einem schnellrotierenden Spiegel, der Licht wechselweise ins Okular oder auf einen CCD-Chip lenkt. Somit sieht das Teleskop also auch das, was der Beobachter sieht und kalibriert darüber zusätzlich seine Daten über das Sehvermögen des Beobachters. Entsprechend werden die Datenbankbeschreibungen angepasst (Anm.: wohl in der Regel reduziert), die Brennweite eingestellt, usw.

Der nächste Clou ist die Möglichkeit, Zeichnungsproben in der Teleskopsteuerung zu hinterlegen. Anhand dieser Proben und der kalibrierten Beobachtungsbeschreibungen sowie der Aufnahmen mit dem CCD-Chip erstellt die Steuerung gleich Zeichnungen, die ebenfalls an die Internetadressen geschickt werden können. Oder eben ans Logbuch und auch ausgedruckt für die heimische Sammlung.

Besonders pfiffig ist die Möglichkeit, die Teleskopsteuerung auf den Terminkalender im Computer am Arbeitsplatz zugreifen zu lassen und je nach Verlauf des Abends die Terminplanung des nächsten Tages anzupassen. Beispielsweise lassen sich Termine problemlos verschieben oder ganz absagen. Selbst Emails zur Beantragung von Gleitzeit- oder Urlaubstagen können automatisch geniert werden.

Aber das geht noch weiter!

Die Teleskopsteuerung ist mit einer Puls- und Körpertemperaturmessung sowie einer Pupillenreaktionsbestimmung ausgestattet. Diese dienen in einem ersten Schritt dazu, Beobachtungspausen zu planen, so dass der Beobachter nicht völlig übermüdet ins Okular guckt und am Ende nicht das sieht, was er sehen soll (oder: gefälligst zu sehen hat?). Im nächsten Schritt, wenn bei der Temperatur, Puls und Pupillenreaktion Abweichungen auftreten, erfolgt sogar eine Verbindung zur Hausarztpraxis, um eine Krankschreibung auszulösen.

Interessant ist auch das Punktesystem, mit dem die Leistung des Beobachters bewertet wird. Steigern sich die Leistungen, wird das nächstgrößere Teleskop dieser Baureihe bereits bestellt.

Die Bestellung erfolgt übrigens auch dann, wenn die Leistungen zu sehr nachlassen.

Tja.

Auf solch ein Teleskop haben wir doch alle wirklich gewartet, oder?

Nachdenkliche Grüße,
Frank

PS: vielen Dank an die Runde der Astro-AG Heuchelheim, zu deren inspirierendem Abend ich kürzlich wieder per Videokonferenz zugeschaltet war.

PPS: Wo ich beim Smartphone war … Bilde mal einen Satz mit „Smartphone“! „Neulich fuhr ich an eine Kreuzung, da kam ein Smartphone rechts und hatte Vorfahrt“.

Dieser Beitrag wurde unter Comedy, Satz, Technik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.