Vom Schottenrock und den Söldnern des Meeres

Dem englischsprachigen Wikipedia zufolge gab es Schiffsbesitzer, die im Namen eines Staates ihr Schiff im Krieg gegen die Schiffe einer fremden Macht einsetzten. Der englischsprachige Begriff für diese Tätigkeit ist „Privateering“. Kundige Leser ahnen, worum es im Folgenden geht. Das nebenstehende Bild stimmt zusätzlich ein und entstand übrigens am 12. August 12 an der Ostsee.

Privateering heißt das neue Doppelalbum von Mark Knopfler. Der Name ist noch immer weit weniger bekannt als die seiner ehemaligen Band: Dire Straits. In Interviews äußert er des Öfteren, dass ihm das sehr wohl recht ist. So bleibt ihm beispielsweise mehr Zeit, zusammen mit Bob Dylan auf Tour zu gehen.

Auch mit Privateering spaltet er die Meinungen – die  Kundenrezensionen einschlägiger Versandhandelsfirmen bezeugen dies. Schauen und hören wir also mal rein. Vorweg ist zu sagen, dass ich seit Jahrzehnten sein Werk verfolge, sowohl mit Dire Straits als auch solo.

Das Doppelalbum setzt aus meiner Sicht den Trend der Alben Get Lucky und All the road Running fort. Der Eröffnungssong „Redbud Tree“ ist ziemlich gut, leider der klangliche Tiefpunkt des Doppelalbums. Mir dröhnt das zu sehr in den Mitten, aber das kann auch Absicht sein. Wer Originalaufnahmegeräte der Beatles in seinem Studio rumstehen hat, klingt eben manchmal nicht mehr zeitgemäß 🙂 In der Summe gibt es aber am Klang nicht viel zu kritisieren und auf jeden Fall gehört die Platte in diesem Musikbereich für heutige Produktionen zu den besseren.

Der Leser stelle sich vor, er könne eine richtig gute Band in sein Wohnzimmer einladen und die würde dort mit viel Spaß Musik machen, ohne sich auf ein Genre zu sehr festzulegen und ohne sich selbst zu wichtig zu nehmen. Da würden keltische Einflüsse mit sehr guten Melodien atmosphärische Songs schaffen (z.B. „Haul Away“), wobei der Stil dann nicht zu streng eingehalten wird („Privateering“). Dann wieder kommt ein flotter Blues um die Ecke („Got to have something“), an anderer Stelle ist der Blues getragener („Don’t for get your hat“).

Wo sind Anleihen bei den Dire Straits verarbeitet? Natürlich in den Gitarrensoli und in manchem Gitarrensound (der wah-wah-sound von „Money for nothing“ ist im Hintergrund von „Corned beef city“ zu hören). Einem Song wie „Privateering“ ist der gleiche Urheber wie bei „The man’s too strong“ anzuhören. Manche Songs sind atmosphärisch extrem dicht („Yon two crows“), wie in alten Zeiten.

Wobei, Anleihen. Das ist ja zu erwarten, wenn deren Chef Musik macht. Es ist anders herum zu sehen. Diese Band hat einige Rekorde gebrochen (sich am schnellsten verkaufendes Album und was weiß ich nicht alles) und das Medium CD im Alleingang angeschoben (es ging ja der Witz, zu jedem CD-Player würde die BIA gleich mitgeliefert – und mir selbst wurde im Laden ein CD-Player noch mit jener CD vorgeführt! Irgendwo habe ich auch noch den Philips CD 150). Mit Love Over Gold hatte sie ein Album geschaffen, das in Progrock-Magazinen als Meilenstein der Musikgeschichte gilt.

Die dem Boxset beiliegende DVD vermittelt den Eindruck: Knopfler ist trotz der gigantischen Erfolge auf dem Boden geblieben und in erster Linie Musikliebhaber.

Daher lädt er uns in sein Wohnzimmer ein (so rum trifft es nämlich besser) und erklärt die Wurzeln der Lieder der Dire Straits. Das finde ich gut, gehe ich doch als Naturwissenschaftler gerne den Dingen auf den Grund.

Es gibt eine limitierte Box. Sie enthält Schallplatten (wer es denn haben muss … die CD ist das beinahe perfekte Medium und heute scheitert fast alles am Mix und der Kompression, mit der es auch noch auf einem Handylautsprecher klingen soll … werft das nicht immer der CD vor!), eine sehenswerte DVD mit einem Überblick über Knopflers Karriere, dargestellt in einem Interview. Ich mag ja, wenn er lacht – wie kann man nach solch einer Überkarriere nur so normal wirken? Dazu bietet die Box noch eine CD mit drei weiteren Songs, die allesamt gut sind. Das muss erstmal einer nachspielen, geschweige den komponieren.

Insgesamt fällt auf, dass viele Songs der Doppel-CD relativ flott sind. Spielt es mal selbst auf Gitarre, von wegen langsam und einschläfernd. Das Tempo wechselt gut ab, so dass insgesamt ein wohltuender Spannungsbogen auf jeder CD entsteht. Was Knopfler auf der Gitarre von sich gibt ist extrem gut und an vielen Ecken sehr einfallsreich. Da werde ich noch Lehrstunden nehmen 😉

Der Gesang prägt sich ebenfalls ein. Der Mann klingt nicht nach 63 und wer den Gesang bei Dire Straits kennt, staunt. Der Gesang ist richtig gut, so zu hören bei „Go, love“ !

Klar, die rockige Stratocaster von Liedern wie „Telegraph Road“, „Sultans of Swing“ und „Tunnel of Love“ sucht man vergebens. Knopfler verzichtet ganz bewusst darauf – er weiß, dass er dann wieder in Fußballstadien spielen muss. Und er will halt Musik machen und nicht einem Tourpersonal in der Größe eines mittelständischen Unternehmens 2 Jahre lang im Stadion sitzen. Andererseits sagt Martin Barre vollkommen zu recht (sinngemäß übersetzt): Knopfler spielt auf eine derart eigene Weise Gitarre, dass man höchstens zu einer Minikopie werden kann (siehe hier). Solche Worte aus derart berufenem Mund sagen vieles – und ein solches Talent möchte man einfach viel öfter genießen!

Insgesamt bin ich froh, diese 2 CDs zu haben und empfehle sie gerne weiter.

Anspieltipps:
Privateering
Yon two crows
Go, love
Blue Bird
Blood and Water

Notausgänge:
Wer rockigen Blues eines jungen Musikers sucht: Joe Bonamassa,
Wer rockigen Blues eines junggebliebenen Musikers sucht: Walter Trout,
Wer rockigen Gitarrensound einer Legende sucht: beispielsweise Martin Barre
Wer Dire Straits sucht: sendet Fundstellen bitte an den Autor des Artikels.

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