Sternbedeckungen durch Kleinplaneten, Teil 2

Dies ist die Vorsetzung des Artikels vom 24. Januar.

Reaktionszeit

Im letzten Teil hatten wir gesehen, dass die Reaktionszeit wichtig ist. Sie ist jedoch ein schwieriges Geschäft. Es gibt einen einfachen Test, den man abends durchführen kann: auf einer Stoppuhr wird die Sekundenanzeige abgeklebt. Nun versucht der Proband, genau bei einer Minute zu stoppen. Der Vorteil dieser Methode: lässt sich gut mitten im Feld ausführen, der visuelle Sinn wird benutzt und durch die Minute wird simuliert, dass das Ereignis nicht so genau vorhersagbar kam. Der Beobachter wird ja mitunter „auf dem falschen Fuß“ erwischt, was dann zu einer längeren Zeit führt. Der Haken jedoch: es wird Motorik im Körper benutzt und die Koordination von Sehen/Stimme und Sehen/Fingerbewegung müssen sich längst nicht entsprechen. Eine vielleicht noch gravierende Fehlerquelle ist, dass das Beobachtungerlebnis völlig anders ist. Eine gut sichtbare Uhr ist nicht ganz mit einem eventuell nur schwachen Stern vergleichbar.

Was ich damit sagen will ist: die Reaktionszeit lässt sich eingrenzen, nicht aber exakt bestimmen.

Meine Erfahrung sagt mir: in einer Trockenübung bekomme ich bestenfalls 0,2 Sekunden hin. Die Zeit kann bei einem schwachen Stern jedoch schnell auf 0,7 Sekunden anwachsen. Jenseits einer Sekunde kann jedoch nur bei einem sehr schwachen Stern und einem schlecht ausgeprägten Ereignis eintreten, beispielsweise der Vitja-Bedeckung vom 11.08.2007. Bei einem Stern 10ter Größe und einem Helligkeitsabfall von 2 Größenklassen und mehr ist – gutes Wetter vorausgesetzt – eine Sekunde eine halbe bis ganze Ewigkeit.

Auswertung der Bandaufzeichnung

Nun folgt die Bandauswertung. Es gibt verschiedene Methoden, meine ist die folgende: in einem HiFi-Kassettendeck spiele ich die Kassette ab und nehme mit einer Studiosoftware ein Audiofile auf – und zwar beginne ich etwa eine halbe Minute vor dem Ereignis und nehme dann noch anderthalb weitere Minuten auf. Nun sehe ich im Waveeditor eine grafische Darstellung des Audiosignals. In der Regel sind die Sekundenmarken deutlich zu sehen, die Kommandos noch deutlicher. Nun kann ich Zeiten zwischen diesen Ereignissen ausmessen – und sogar noch den Bandlauffehler des Diktiergeräts bestimmen. Allerdings ist der Effekt in der Regel winzig im Vergleich zum Fehler durch die Reaktionszeit. Nachdem die relativen Zeiten bestimmt sind, kann ich aus der Datei noch die absolute Zeit auslesen.

Meldung machen

Danach benötige ich eigentlich nur noch meinen Standort. Das geht mittels der Hessen TOP50 (digitale topographische Karten) auch gut, d.h. ich kann meinen Standort sehr gut aus der Karte auslesen. Jetzt ist alles beisammen, um eine offizielle Meldung an die hierfür vorgesehenen Stellen weiter zu geben. Dies ist eine Mailingliste, deren Adresse ich aus Spamgründen hier nicht angeben werde. Eine der Stellen, an der die Ergebnisse aller Beobachter gesammelt, veröffentlicht und ausgewertet werden, ist Euraster .

Profilbeispiel

Manchmal hat keiner Erfolg.
Manchmal hat nur einer Erfolg.
Doch manchmal haben viele Beobachter Erfolg, so am 21.04.2007 bei Thetis. Und dann wird es spannend. Dann werden die Zeiten ausgewertet und geguckt, ob sich aus den verschiedenen Zeiten das Profil des Kleinplaneten ableiten lässt. Da die Beobachter in der Regel nicht an einem einzigen Standort stehen, erwischen sie den Schatten des Kleinplaneten in verschiedenen Abständen zur Schattenmitte. Rechnet man diese verschiedenen Schattenlinien zusammen, ergibt sich das Profil. Manchmal lässt sich eine Eiform ableiten, seltener ergibt sich schon mal eine Bohnenform oder so.

Und wie war es nun mit Latona?

Es gab zwei Vorausberechnungen. In der ersten lief der Schatten genau über meinen Standort. In der zweiten hingegen würde eher Stuttgart getroffen. Interessanter Weise kam neben meiner negativen Meldung noch eine zweite über die oben erwähnte Liste: ebenfalls negativ … und mitten aus dem zweiten Schattenbereich. Einige Tage später kam noch eine dritte Beobachtung, ebenfalls visuell. Beobachter war Jean Lecacheux und sein Bericht liest sich so (mit freundlicher Genehmigung):

As my video timer temporarily is out of order, I switched back to
the old visual method, and recorded a possible 4-seconds partial
occultation, whose amplitude, by comparison with the nearby V= 11.6
star 1 arc min. ENE, seemed do not exceed one magnitude (in regards
to the 2.6 mag. step predicted.)
– However I am not 100 % sure of this fact, as the young female cat
of the house visited me just at critical time, turned around the
telescope, disturbed my setup, then climbing my shoulder ruined my
mental concentration !-

If real, this observation should imply that this target star from
the XZ catalog is double (though of previously unknown binarity),
and that in my location LATONA occulted the sole southernmost
component.
It also would contribute to explain why R.Apitzsch, located at n25
in Germany, recorded a negative occultation.

Binarity of such an A0p star (hot star with peculiar metallic
spectrum -and possible low amplitude variable-) would be by no
means surprising.

It is a pity that I did not made video recording, even without
associated timing -although the cat as well might have disconnected
the camera or the recorder !-

Die genaure Bandauswertung ergab dann folgendes:

9 ADDITIONAL COMMENTS :

-Site location from my Garmin GPS12 : at 29.9 km SSE (measured
on the ground) from S.Preston’s nominal centre line, i.e. well
INSIDE the predicted shadow path.
Related probability of success : 56 %
-Predicted closest approach : 21:10:47 UT +/- 7 s (2 sigmas)

-Something is sure : No drop so deep as 2.6 magnitudes occurred.
In this restricted sense the occultation
might be claimed negative.

-However at 62″ ENE lies a good comparison star (TYC 1864 780),
whose magnitudes are V~ 11.6 , R~ 11.4 according to the „VizieR“
database. At the x87 magnification I used, it appeared 1.5 deg.
on the right, a factor 3 or 4 fainter than the target.
-Suddenly at 21:10:32.5 I saw the target almost as faint as the
comparison star ! This dimming persisted 1 second, 2 seconds,…
then, while I was trying to verify its reality, it suddenly
relaxed, like any authentic emersion would have done.

The presence of this easy comparison induces me to believe that
I really witnessed a partial occultation, nearly 1 mag. deep.

Der Beobachter sah den Stern schwächer werden, allerdings nicht in erwartetem Maße. Die Zeitdauer der Absenkung war jedoch mit 4 Sekunden recht lange. Dies lässt darauf schließen, dass der Zielstern ein enger Doppelstern ist und daher die Vorhersagen nicht genau zugetroffen haben. Mit einer Profilbestimmung war es also nix diesmal. Aber wer weiß – vielleicht beim nächsten Mal. Und bis dahin wissen wir wenigstens, wo Latonas Schatten nicht zu sehen war …

Einige Tipps:

  • frische Batterien in den Geräten benutzen, gerade im Winter
  • bei Kassettengerät: restliche Bandlänge prüfen
  • sich früh mit dem zu findenden Stern vertraut machen
  • früh aufsuchen (so dass 5-10 Minuten vorher eingestellt ist)
  • sich mit dem Sternfeld vertraut machen
  • alles so einstellen, dass eine möglichst entspannte Beobachtungshaltung eingenommen werden kann
  • einen Wecker nach dem Beobachtungsfenster stellen


Fazit

Sternbedeckungen durch Kleinplaneten sind äußerst spannende und extrem lohnende Beobachtungsprojekte. Bis jetzt hatte ich vier Erfolgserlebnisse – bei bestimmt zwei Dutzend Anläufen. Aber Spaß macht es mir immer!

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