Das Satellitenbild

Grobpixelige Infrarotaufnahme aus geostationärem Orbit, coloriert.

„Seid froh, dass überhaupt noch Wetter ist“ sagte einst der diensthabende Wettervogel im öffentlich-rechtlichen Frühstücksfernsehen. Gleich der Lyrik eines frühen Westernhagen fassen diese verteidigend und entschuldigend eingeworfenen Worte den Inhalt unseres heutigen Werkes zusammen. Mit einer messerscharfen Präzision, die sowohl der frühe als auch der späte Nostradamus beneidet hätte, machen sie uns klar, was wir zu erwarten haben.

Da springt zunächst ein enorm breites und langes Wolkenband ins Auge, welches in einem erhabenen Schwung von Südfrankreich ausgehend über die Mitte Deutschlands geführt bis weit auf die Ostsee reicht. Dem Kenner steigt bei diesem Anblick der Duft frisch beregneten Grases in die Nase, wie er oft über den Feldern der Mittelgebirge schwebt. Wir ahnen, dass die Grundwasservorräte von Westerwald und Vogelsberg hier neue Nahrung bekommen. Ohne auf die seherischen Gaben des späten Kachelmann zurückgreifen zu müssen wird uns klar, dass dieses Wolkenband noch einige Zeit in dieser Lage verharren wird.

Etwas zu betont ist dem Schöpfer unseres heutigen Werkes das Wolkenloch über der Adria und den südöstlichen Alpen geraten. Hier hätten einige hohe Wolken oder Zirren dem Werk den überharten Kontrast zwischen klarem Himmel hier und wasserdampfgesättigten Sumpfklima dort genommen. Doch vielleicht ist gerade dieser harte Kontrast, der einen Kontrapunkt zu den weichen Grautönen über den britischen Inseln und der Nordsee setzt. Und so ist es hier die Vielzahl von Schattierungen, die dem Betrachter wohl sagen soll: „sieh her, es gibt mehr Wolkenarten als Du kleiner Mensch zu begreifen im Stande bist“. Die weitgreifenden Nebelbänke drängen den Schluss auf, dass die Schafskälte heuer wieder besonders beissend kalt ist.

Und so schweift unser Blick voller Hoffnung in Richtung der Azoren, von wo wir uns ein wenig Hochdruck mit Sonnenschein erhoffen. Doch auch hier werden wir enttäuscht: ein zum ehemaligen Wirbelsturm Walhalla gehörender Tiefdruckwirbel steigert die Dramatik dieses im Grundton doch sehr pessimistischen Werkes und nimmt die Hoffnung auf ein wenig Sonnenschein.

Eine letzte Hoffnung auf Besserung finden wir erst am Rand des Bildes bei Island. Eine kleine Wolkenlücke wirft die Frage auf, ob sich hier ein Islandhoch aufbauen könnte, welches in der Folge trockene Festlandsluft nach Mitteleuropa führen würde? Doch hierauf erhalten wir im Werk selbst keine Antwort.

Und so sind wir froh, dass überhaupt noch Wetter ist.

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Wie so oft hat auch das heutige Kunstwerk keinen langen Bestand: ein atlantischer Tiefausläufer folgte schon am nächsten Morgen.

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2 Antworten auf Das Satellitenbild

  1. Hi Frank,

    ROFL! Saugut geschrieben, schön daß ihr das Wetter mit Humor nehmt.
    Ich sag jetzt nicht, wie es hier aussieht… 🙂

    Mir schwant ja wirklich übles, wenn ich daran denke, daß ich in vier Wochen wieder nach Europa muß.

    Viele Grüße,
    Christian

  2. Frank sagt:

    Moin Christian,

    unser Umgang mit dem Wetter spricht dafür, dass es sich bei Astronomie weniger um ein Hobby als um eine Sucht handelt. Deshalb: Du wirst demnächst trotz des Himmels wieder beobachten 🙂

    Tschüss

    Frank

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